Verpackungsmaschinen der Zukunft: Warum digitale Zwillinge zur Grundlage besserer Investitionsentscheidungen werden

10/07/2026

Von der Maschinenbeschaffung zur Technologiebewertung

Vor Kurzem nahm ich an einem Webinar mit Vertretern der Verpackungsindustrie teil. Im Mittelpunkt stand ein Open-Innovation-Projekt, das sich mit der Fragestellung beschäftigte, wie sich Maschinenkonzepte objektiver vergleichen lassen, ohne jedes Mal umfangreiche Lastenhefte erstellen zu müssen?

Ziel des Projekts war es, standardisierte Bewertungskriterien zu entwickeln, mit denen unterschiedliche Lösungen transparenter und vergleichbarer werden. Meiner Meinung nach ein sinnvoller Ansatz, denn die Beschaffung von Verpackungsmaschinen wird zunehmend komplexer. Gleichzeitig stellte sich während der Diskussion für mich die Frage, warum wir Maschinenkonzepte eigentlich noch überwiegend anhand von Präsentationen, Datenblättern und Referenzprojekten bewerten?

Denn wer heute in eine neue Verpackungslinie investiert, entscheidet längst nicht mehr nur über eine Maschine. Die Entscheidung beeinflusst Produktionsprozesse, Verpackungsmaterialien, Automatisierungsstrategien und oftmals die Wettbewerbsfähigkeit eines Unternehmens für die nächsten Jahre.

Die klassische Vorgehensweise im Einkauf stößt dabei zunehmend an ihre Grenzen. Anbieter verfolgen unterschiedliche technische Ansätze, die auf Themen wie die maximale Ausbringung, mehr Flexibilität, Nachhaltigkeit oder reduzierte Betriebskosten setzen. Jedes Konzepte erscheinen auf den ersten Blick für sich plausibel. Die eigentliche Herausforderung besteht für Unternehmen jedoch darin, herauszufinden, welche Lösung unter den individuellen Rahmenbedingungen langfristig die besten Ergebnisse liefert.  

Hinzu kommt, dass sich die Anforderungen an Verpackungsanlagen derzeit sehr schnell verändern. Neue Produktvarianten, kürzere Produktlebenszyklen und steigende Kundenerwartungen verlangen ein hohes Maß an Flexibilität und gleichzeitig gewinnen Nachhaltigkeit und Ressourceneffizienz an Bedeutung. Unternehmen müssen heute mehr denn je berücksichtigen, welche Verpackungsmaterialien zukünftig verarbeitet werden können, wie schnell Formatwechsel möglich sind und wie sich regulatorische Anforderungen auf bestehende Produktionskonzepte auswirken.

Besonders deutlich wird diese Entwicklung im Zusammenhang mit der Packaging and Packaging Waste Regulation (PPWR). Die neuen Vorgaben erhöhen den Druck, Verpackungen materialeffizienter, recyclingfähiger und ressourcenschonender zu gestalten. Damit wird die Auswahl einer Verpackungstechnologie zunehmend zu einer strategischen Entscheidung. Investitionen müssen nicht nur aktuelle Anforderungen erfüllen, sondern auch genügend Flexibilität für zukünftige Entwicklungen bieten.

Vor diesem Hintergrund verändert sich die zentrale Fragestellung. Es geht nicht mehr ausschließlich darum, welche Maschine heute die beste Leistung bietet, sondern Unternehmen müssen heute schon bewerten können, welches Maschinen- und Technologiekonzept auch in der Zukunft wirtschaftlich, nachhaltig und flexibel bleibt.

Warum digitale Zwillinge die Entscheidungsgrundlage verändern

Genau an dieser Stelle entsteht ein enormes Potenzial für digitale Zwillinge.

Bis heute basieren viele Investitionsentscheidungen auf Annahmen, Erfahrungswerten und Herstellerangaben. Natürlich sind diese Informationen wichtig, aber sie erlauben jedoch nur begrenzt Aussagen darüber, wie sich eine Anlage später im konkreten Produktionsumfeld tatsächlich verhält.

Ein digitaler Zwilling eröffnet hier eine neue Perspektive. Statt verschiedene Maschinenkonzepte ausschließlich anhand theoretischer Leistungsdaten zu vergleichen, können Unternehmen deren Verhalten bereits vor der Investition virtuell betrachten. Materialflüsse, Taktzeiten, Energieverbräuche, Formatwechsel oder alternative Verpackungsstrategien lassen sich unter realitätsnahen Bedingungen analysieren und vergleichen.

Dadurch verändert sich die Entscheidung weg von der einzelnen Maschine hin zu einem kompletten Produktionskonzept.

Welche Auswirkungen hat ein anderer Automatisierungsgrad auf die Produktivität? Wie verändert sich die Ausbringung bei neuen Verpackungsmaterialien? Welche Konsequenzen ergeben sich für Energieverbrauch, Ressourceneinsatz oder Umrüstzeiten? Welche Verpackungsstrategie erfüllt zukünftige Nachhaltigkeitsanforderungen am besten?

Fragen wie diese lassen sich mit einem digitalen Zwilling deutlich fundierter beantworten als mit klassischen Bewertungsmethoden.

Unternehmen müssen sich heutzutage nicht mehr frühzeitig auf eine bestimmte Lösung festlegen, sondern können unterschiedliche Konzepte zunächst virtuell validieren. Die Bewertung erfolgt nicht auf Basis von Marketingaussagen oder theoretischen Kennzahlen, sondern anhand des erwarteten Verhaltens im späteren Produktionsbetrieb.

Verpackungsmaschine als virtuelles Modell und reale Anlage mit iPhysics

Der digitale Zwilling als Plattform für fundierte Entscheidungen

Genau darin liegt aus meiner Sicht der eigentliche Mehrwert. Der digitale Zwilling wird nicht nur zu einem Werkzeug für Engineering, Simulation oder virtuelle Inbetriebnahme, sondern entwickelt sich zu einer Plattform für bessere Entscheidungen.

Damit werden Investitionen transparenter, Risiken früher sichtbar und alternative Lösungswege lassen sich objektiver bewerten. Unternehmen erhalten mithilfe des digitalen Zwillings die Möglichkeit, die Auswirkungen ihrer Entscheidungen zu verstehen, lange bevor die erste Maschine bestellt oder aufgebaut wird.

Vielleicht wird die entscheidende Frage bei der Beschaffung von Verpackungsmaschinen deshalb künftig nicht mehr lauten: „Welcher Anbieter bietet die beste Maschine?“, sondern „Welches Maschinenkonzept liefert im digitalen Zwilling nachweislich die besten Ergebnisse?“.

Denn je komplexer Verpackungsprozesse, Nachhaltigkeitsanforderungen und regulatorische Vorgaben werden, desto wichtiger wird die Fähigkeit, Entscheidungen bereits vor der Investition abzusichern. Digitale Zwillinge könnten damit zu einer der wichtigsten Grundlagen für zukünftige Investitionsentscheidungen in der Verpackungsindustrie werden.

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