Lohnt sich virtuelle Inbetriebnahme wirtschaftlich?
Diese Frage beschäftigt viele Maschinen- und Anlagenbauer. Während einige Unternehmen digitale Zwillinge bereits fest in ihre Entwicklungsprozesse integriert haben, stehen andere noch vor der Entscheidung, ob sich die Investition tatsächlich rechnet.
Eine aktuelle Branchenumfrage zeigt ein erstaunlich klares Bild:
- 78 % der Teilnehmer gehen davon aus, dass sich virtuelle Inbetriebnahme innerhalb von zwölf Monaten amortisiert.
- 85 % sehen die größten Vorteile in kürzeren Inbetriebnahmezeiten.
- 73 % berichten von deutlich kürzeren Vor-Ort-Einsätzen bei der Inbetriebnahme.
- 87 % beobachten eine spürbar bessere Zusammenarbeit zwischen den beteiligten Fachbereichen.
- 82 % sind überzeugt, dass auch die Endkunden von der virtuellen Inbetriebnahme profitieren und zufriedener sind.
- 76 % nennen die Unterstützung durch das Management als entscheidenden Erfolgsfaktor für die Einführung.
Die Wahrnehmung in der Branche ist also eindeutig: Virtuelle Inbetriebnahme wird längst nicht mehr nur als technologische Möglichkeit betrachtet, sondern zunehmend als wirtschaftliches Instrument zur Verbesserung von Produktivität, Qualität und Termintreue.
Doch wie sehen die tatsächlichen Einsparungen in der Praxis aus?

Was die Zahlen aus einem realen Maschinenbauunternehmen zeigen
In einer gemeinsam mit machineering durchgeführten Analyse wurden die Auswirkungen der virtuellen Inbetriebnahme bei einem Sondermaschinenbauer mit rund 700 Mitarbeitern und 140 Mio. € Jahresumsatz untersucht. Nach der Einführung der virtuellen Inbetriebnahme und digitaler Zwillinge ergaben sich folgende Ergebnisse:
- 15 % höhere Produktivität
- 21 % kürzere Durchlaufzeiten
- 2,48 Mio. € jährliche Einsparungen
- 1,73 Mio. € jährlicher Netto-Nutzen
- Amortisation nach rund drei Monaten

Wo entsteht der wirtschaftliche Nutzen?
Die größten Potenziale entstehen nicht erst bei der eigentlichen Inbetriebnahme. Vielmehr verschiebt die virtuelle Inbetriebnahme zahlreiche Erkenntnisse in frühe Projektphasen. Die Studie kommt zu einem klaren Ergebnis:
Der größte Hebel lag in der effizienteren Nutzung vorhandener Engineering-Kapazitäten. Durch frühzeitige Absicherung von Maschinenkonzepten, weniger Abstimmungsaufwand und deutlich reduziertes Trouble Shooting konnten Einsparungen von rund 1,63 Mio. € pro Jahr erzielt werden.
Qualität (+26%)
Fehler wurden bereits im digitalen Zwilling erkannt und behoben, bevor sie an der realen Maschine auftraten. Die Kosten für die Qualitätssicherung reduzierten sich dadurch um rund 659.000 € pro Jahr.
Termintreue und Durchlaufzeit (- 21%)
Durch die Vorverlagerung von Tests und die Stabilisierung der realen Inbetriebnahme verkürzte sich die Durchlaufzeit um 21 %. Gleichzeitig sanken die Kosten durch verspätete Lieferungen und Vertragsstrafen.
Was Entscheider daraus lernen können
Besonders interessant ist der Zusammenhang zwischen Umfrage und Case Study.
Die Unternehmen, die an der Umfrage teilgenommen haben, nennen vor allem kürzere Inbetriebnahmezeiten, weniger Vor-Ort-Einsätze und eine bessere Zusammenarbeit als wichtigste Vorteile der virtuellen Inbetriebnahme.
Genau diese Effekte spiegeln sich auch in den realen Projektergebnissen wider. Die größten Einsparungen entstehen nicht durch die Software selbst, sondern durch bessere Entscheidungen, frühere Fehlererkennung und effizientere Prozesse über den gesamten Projektverlauf hinweg.
Fazit
Die Diskussion über virtuelle Inbetriebnahme wird häufig als Technologiethema geführt. Die Zahlen zeigen jedoch etwas anderes: Virtuelle Inbetriebnahme ist vor allem ein Wirtschaftlichkeitsthema.
Wenn sich eine Investition bereits nach wenigen Monaten amortisieren kann, die Produktivität steigt, die Durchlaufzeit sinkt und gleichzeitig die Kundenzufriedenheit zunimmt, stellt sich nicht mehr die Frage, ob digitale Zwillinge einen Mehrwert schaffen.
Die entscheidende Frage lautet: Wie viel Potenzial bleibt ungenutzt, wenn Unternehmen weiterhin auf virtuelle Inbetriebnahme verzichten?
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